do Heschtma Dökta (1893 – 1977)

 

Dr. Anton Mutschlechner war Sohn des Post Wirtes in Sand, seine Mutter stammte aus einfachen Verhältnissen. Anton war hochbegabt und einer der besten Schüler im Jesuitenkolleg „Stella Matutina“ in Feldkirch. 1920 promovierte er in Berlin mit Auszeichnung in Medizin und vertiefte seine Kenntnisse an der Charité in Berlin, an der Sorbonne in Paris und bei Prof. Böhler in Wien. Nach Sand zurückgekehrt wandte er sich den Heilmethoden der Bauerndoktoren zu, von denen es damals im Tale mehrere gab. Er bewarb sich auch um die freigewordene Stelle des Gemeindearztes von Sand. Doch nach dem bewährten Grundsatz „nemo profeta in patriasua“, zogen die Gemeindeväter den auswärtigen Dr. Reiter dem „zu jungen“ Landsmann vor. Das hat er ihnen nie

verziehen. Mutschlechner war dank seines ansehnlichen Besitzes auf die Gunst der Sandner nicht angewiesen. Er eröffnete in der Villa gegenüber seinem Hotel eine Privatpraxis und betreute die Kurgäste, die aus aller Herren Länder zu ihm strömten. Sogar Angehörige des ägyptischen Königs

pilgerten zu ihm. Der Schah soll ihn in den Iran eingeladen haben, aber die Reise in dorthin war ihm doch zu weit und ungewiss. Auch die Geistlichkeit suchte den „Wunderdoktor“ gerne auf. Man erkannte die „Post-Gäste“ an der Medizinflasche, die sie mit sich trugen. Sie war gefüllt mit einem Saft aus Heilpflanzen, der scheußlich schmeckte und vom Doktor selber gebraut wurde. „Es ist eine außerordentlich heilsame Kur. Doch wünscht man sich das eine nur: Zäune, Zäune und belastende Zeugen keine!“ beschrieb der Brunecker Dichter Bruder Willram die Kur auf einer Grußkarte an den Innsbrucker Propst Weingartner.

Ein treuer Patient war Erzbischof Alois Fogar. Als Bischof von Triest von den Faschisten vertrieben, wurde er Dekan des Domkapitels am Lateran in Rom. Jahrzehnte verbrachte er den Urlaub in Taufers als Gast des Dekans David Eppacher und schwor auf Mutschlechners Heilkunst.

Dessen Erfolge waren unbestritten, vor allem seine Diagnostik, wobei er den Patienten meist nur in die Augen schaute. Er setzte ganz auf Naturheilmethoden und war ein Gegner von Operationen.

Wenn er am 29. Juni sein Hotel öffnete, kam Leben nach Sand, bis er es am 10. September wieder schloss. Den Hotelbetrieb führte zunächst seine Mutter und später seine Schwester Martha. Die Einrichtung war veraltet und das Essen mehr als einfach. Aber die verwöhnten italienischen Schicki-mickis nahmen das alles gelassen auf sich, um vom „mago“ behandelt zu werden. So genial Dr. Mutschlechner auch war, im Umgang mit den Dorfbewohnern benahm er sich recht sonderbar.

Im Grunde war Mutschlechner gutmütig und tat niemandem was zuleide. Er war auf seine Weise tief religiös, las Thomas von Aquin und pflegte rege Kontakte zu den Geistlichen.

Der Doktor verarztete auch die Dorfleute, wenn sie in ihrer Not zu ihm kamen. Für die Visite verlangte er von Einheimischen wenig oder auch nichts. Die satten Honorare forderte er bei den gut betuchten Kurgästen aus Europa und der Welt ein.

Dr. Mutschlechner lebte unter verschiedenen Regierungen. Als Student noch als Habsburger, dann als eroberter Italiener. Bei der Option entschied er sich fürs „Dableiben“, was ihn der Dorfbevölkerung, die sich größtenteils für das deutsche Reich entschieden hatte, noch mehr entfremdete. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde er weitgehend in Ruhe gelassen. Nach dem Krieg durfte er sich auch als Südtiroler bekennen.

Dr. Josef Innerhofer

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